Presse
23.01.2012, 17:12 Uhr | Berliner Morgenpost/ Gudrun Mallwitz
Der neue Boom in Teltow
Es gibt Menschen, für die ist Teltow nur eine Straße. Die Potsdamer Straße. Sie führt nach Potsdam - oder umgekehrt nach Berlin. Und sie beginnt da, wo die Fahnen von Burger King wehen, und endet auf Höhe von McDonalds. Dazwischen wechseln sich lang gezogene Industrie-Plattenbauten mit kühlen Büroglasgebäuden ab.

Auch das alte Stadthaus steht hier. Mehr als 70 Jahre Sitz des Bürgermeisters, ist es seit Kurzem ein Wohnhaus. Die Potsdamer Straße gibt nicht viel her, selbst der Belag ist marode. Unter der nur dünnen Asphaltdecke liegen die Gleise der einstigen Straßenbahn von Berlin-Tempelhof zur Schleuse Kleinmachnow. Nicht alles ist sofort sichtbar in dieser Stadt.

Früher war hier das Zentrum der elektronischen Industrie der DDR. Als 1990 die beiden Großbetriebe - das Geräte- und Reglerwerk und das Elektronische Bauelemente produzierende "Carl von Ossietzky"-Werk - zusammenbrachen, waren mehr als 8000 Menschen ohne Arbeit. Heute arbeiten auf dem größten zusammenhängenden innerstädtischen Gewerbegebiet Brandenburgs, dem "Techno Terrain Teltow", wieder 7000 Menschen - in mehr als 200 Unternehmen. 2448 Firmen gibt es insgesamt. Teltow nahm im vorigen Jahr zwölf Millionen Euro an Gewerbesteuer ein, die Pro-Kopf-Verschuldung liegt mit knapp 20 Euro pro Bürger weit unter dem Niveau der meisten brandenburgischen Städte. Innovative Firmen wie die mit Preisen überzogene Medizin- und Informationstechnik AG "getemed" festigen den Ruf Teltows als Stadt der Spitzentechnologe.

Langweilig - nur auf den ersten Blick

Jedes Jahr ziehen mehr Menschen nach Teltow in die neuen Wohnsiedlungen wie das Mühlenviertel. 23 656 Einwohner hat die Stadt inzwischen. 1998 waren es erst knapp über 16 000. Anfang der 90er-Jahre gaben die im Vergleich zu Zehlendorf und Kleinmachnow günstigeren Preise den Ausschlag für viele Zuzügler, mittlerweile aber ist auch Teltow teuer. Mit einer monatlichen Nettokaltmiete von 5,46 Euro sind die Mieten hier nach einer aktuellen Statistik sogar höher als sonst in Brandenburg. Auch Bauland zieht an. "Die Bodenrichtwerte liegen etwa auf dem Niveau von Kleinmachnow und Potsdam", sagt Bürgermeister Thomas Schmidt (SPD).

Sein Büro ist im ersten Stock des Rathauses am Marktplatz, der für viele Millionen Euro hergerichtet wurde. Schmidt ist Sozialdemokrat, ein freundlicher 50-Jähriger mit festem Handschlag. Teltow wählt als ehemalige Arbeiterstadt traditionell rot. Lieber SPD als Linkspartei. Der Union hingegen haben selbst die vielen Zugezogenen aus dem CDU-lastigen Südwesten Berlins zu nur vier Mandaten in der 28-köpfigen Stadtverordnetenversammlung verholfen.

Thomas Schmidt hat zurzeit ein wenig mehr Stress als sonst. Sein früherer persönlicher Referent und Wirtschaftsförderer ist in die Schlagzeilen geraten. Er soll im September 2008 in Teltow gewählt haben, ohne an diesem Tag hier schon gewohnt zu haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt deshalb wegen Wahlunterlagen-Fälschung gegen den heutigen SPD-Landtagsabgeordneten. Er bestreitet den Vorwurf. Die Wohnung will er schon vor dem offiziellen Beginn des Mietvertrags bezogen haben. Als Bürgermeister soll Schmidt den vermuteten Betrug angeblich gedeckt haben, was er vehement abstreitet. Eine unangenehme Geschichte, auf die er derzeit ständig angesprochen wird.

Doch Thomas Schmidt hat Übung mit Krisen. Schon 1990 gehörte er der Stadtverordnetenversammlung an. Deren Kapriolen sind legendär. Die Sitzungen fanden im "Schwarzen Adler" statt. Eine düstere Gaststätte mit dunklem Mobiliar. Hier übte sich das Teltow der Nachwendezeit in Demokratie. "Es waren wilde Zeiten", erinnert sich Schmidt. "Wir haben uns exzessiv gestritten, manchmal kam es fast zu Handgreiflichkeiten." Jeder Fehler konnte die Führungsriege im Rathaus alles kosten. Wer von der Verwaltung Mist baute, wurde abgewählt. Das hieß fristlos entlassen. Und Mist bauten sie alle zuweilen mehr oder weniger. "Wir wurden damals doch alle ins kalte Wasser geworfen", sagt Schmidt rückblickend. "Politik kannten wir nur aus dem West-Fernsehen." Irgendwann waren sechs der sieben damaligen Beigeordneten und der Bürgermeister weg. Beurlaubt, abgewählt oder abgehauen. "Ich war der letzte Mohikaner", sagt Schmidt. Er war nur für die Kultur und das Soziale zuständig, doch nun für alles.

Als 1994 die Bürger neu wählten, war es auch für Schmidt, bis dahin amtierender Bürgermeister, vorbei. Er stand auf der Straße, genauer gesagt, vor dem Arbeitsamt. Erst 2002 kehrte er als direkt gewählter Bürgermeister ins Rathaus zurück. Wie Schmidt, der Koch gelernt hatte, kam auch Teltows erster Bürgermeister nach 1990, Valentin Groth, aus der Gastronomie. Hausverbot im Rathaus und zwei Zwangsurlaube ließen Groth "aus gesundheitlichen Gründen" zurücktreten. Es hieß damals, er wolle ein Restaurant in Spanien aufmachen. Heute wohnt er angeblich irgendwo in Nordrhein-Westfalen.

Einige hielten aber durch. So wie Peter Trog. Er stolperte in den 90er-Jahren als stellvertretender Bürgermeister über einen nicht genehmigten Kredit für einen neuen Abwasserverband. Trog verließ die SPD. Heute ist er Chef der CDU-Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung. Einer der streitfreudigsten war der langjährige Leiter des Kulturhauses Teltow, Eberhard Derlig. Er sitzt für die FDP immer noch in der Stadtverordnetenversammlung. Dagegen ist Manfred Pieske inzwischen in Pension. Der Schriftsteller hatte Teltows Politiker jahrelang mit seinen Artikeln geärgert. Dass er seinen Arbeitgeber in der von der Stadt herausgegebenen Zeitung ständig kritisierte, verteidigte der Autor mit der neuen Pressefreiheit.

Die Zeit, in der die Köpfe rollten, blieb nicht ohne Spuren: Im Rathaus herrschte ein derartiges Chaos, dass der Stadt im Jahr 1992 die Zahlungsunfähigkeit drohte. Niemand ahnte damals, dass ausgerechnet Teltow im wiedervereinigten Deutschland doch noch zu einer Erfolgsgeschichte werden sollte.

Zu denen, die Teltow zunächst einfach nur uninteressant fanden, gehörte Birthe Hinrichsen. Nach dem Fall der Mauer zog sie mit ihrem Mann und den beiden Söhnen von Zehlendorf ins angrenzende Kleinmachnow. Die Gartenstadt galt als heißer Tipp unter den West-Berlinern. In den Häusern zwischen lichten Kiefern wohnten zu DDR-Zeiten Intellektuelle wie Christa Wolf. Doch die Hinrichsens hatten Pech. Der einstige Besitzer forderte sein Haus zurück, und die Familie musste, wie so viele Mieter damals, sich eine neue Bleibe suchen. Sie sahen sich auch in Teltow um, der ehemaligen DDR-Industriestadt. Bei einem Spaziergang entdeckten Birthe Hinrichsen und ihr Mann die Altstadt und das kleine denkmalgeschützte Haus neben der Kirche. Sie beschlossen, es zu kaufen und herzurichten. "Wir haben es nicht bereut", sagt die 55-Jährige.

Weil ihr neues Haus in Teltow einen so schönen Hof hat, kam Birthe Hinrichsen auf die Idee, dort Gäste zu bewirten. Ihr von Backstein umgebenes Café hat von Ostern bis Oktober geöffnet - wer den Weg zu ihr findet, wird mit Friesentorte und Idylle pur belohnt.

Keine Villen, aber S-Bahn-Anschluss

Der nahe gelegene Marktplatz mit dem Rathaus ist so was wie die Vorzeige-Stube Teltows geworden. Nur leider nicht besonders frequentiert. Das Leben spielt sich entlang der Potsdamer Straße ab - in den Imbissen, beim Griechen. Vor Kurzem hat in der einstigen Kantine des "VEB Elektronische Bauelemente" Deutschlands größtes China-Restaurant eröffnet - mit 800 Plätzen. Shanghaigemüse statt Teltower Rübchen.

Teltow hat keine so vornehmen Villen wie Kleinmachnow. Dafür hat es aber seit 2005 einen S-Bahn-Anschluss. Berlin und Potsdam sind damit schnell und unkompliziert zu erreichen. Doch die schönen Ecken in Teltow muss der Besucher von außerhalb erst mal suchen. Deshalb gilt der Satz, der auf einer Broschüre steht: "Die Menschen, nicht die Häuser, machen die Stadt." Die Schmidts, die Derligs, die Trogs und alle, die jetzt auch in Teltow wohnen.

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